MÜDE GESTALTEN IM NEONLICHT.
MÜDE GESTALTEN IM NEONLICHT.
MÜDE GESTALTEN IM NEONLICHT.
MÜDE GESTALTEN IM NEONLICHT.
MÜDE GESTALTEN IM NEONLICHT.
MÜDE GESTALTEN IM NEONLICHT.

MÜDE GESTALTEN IM NEONLICHT.

Bastian Muhr / Enrico Weinert

8. Mai – 5. Juni 2010.

Mit der Ausstellung Müde Gestalten im Neonlicht präsentiert das Delikatessenhaus zwei höchst eigenwillige zeichnerische Positionen.

Die Zeichnungen von Bastian Muhr sind Aufzeichnungen von Erkundungen. Sie bewegen sich frei wie ein Spaziergang; sie beschreiben das, was sie darstellen: den Prozess der Entstehung im Prozess des Entstehens. Die Zeichnung wird zu einer Chronik, einer Landkarte der Zeit, auf der das zeichnerische Forschen des Künstlers nach einer endgültigen Form zurückverfolgt werden kann. Die mit Bleistift gezeichneten Linien häufen sich an, werden verworfen, radiert, korrigiert, bis sie ihren bildnerischen Abschluss finden.

Sie dringen in Unbekanntes vor und erscheinen zugleich als Zeichen des Rückzugs auf ein gesichertes Terrain. Zeichnung ist hier Ausdrucksform, die ihre Fehler, Irrtümer und Vergeblichkeiten offenbart; sie ist eine fortwährende Improvisation. Dennoch schließt sie mit stringenter Linienführung und Titelgebung des Dargestellten konsequent ab. Die Sehnsucht nach Vollendung ist damit temporär befriedigt. Doch in den Bildmotiven und deren Titel ist eine Skepsis unterlegt, die in der Ironie ihren Ausdruck findet.

In der Zeichnung Elvis zum Beispiel sehen wir zunächst die Frisur als alltägliche Erscheinung, die dann durch die Titelgebung zu einer Bedeutung gebracht wird – Allgemeines und Besonderes fallen somit zusammen. Die Form ist Repräsentant der Aussage selbst, sie ist Reduktion auf das Wesentliche. Zeichnung ist bei Bastian Muhr ein Instrument, um einen Ort zu begreifen, um sich Dingen, Beobachtungen und Wahrnehmungen zu nähern; eine komplexe Beziehung zwischen Linie, Ort und Raum sowie der Poetik der Entdeckung. Bastian Muhr erhielt 2008 den Studienpreis des Freundeskreises der HGB Leipzig.

Enrico Weinert entwickelt in seinen Arbeiten eine höchst eigenwillige zeichnerische Bildstrategie: mit Buntstiften werden in unterschiedlicher Dichte farbige Linien am Lineal entlang gezogen. Der kontrollierte Gestus der Hand, dieser präzise technische Linienduktus, täuscht den Betrachter über eine sich ihm erst nach und nach offenbarende subversive Verstörung und Hintergründigkeit der Bildinhalte hinweg.

Die Bildfindungen des Züricher Künstlers richten sich an malerisch anmutenden Farbflächen aus; es sind Radierungen, die das jeweilige Farbpigment des Stiftes in das Papier einschmieren bzw. einreiben. In Gegenbewegung dazu streicht Enrico Weinert stellenweise mit einem Radiergummi die sorgfältig gezogenen Farbgeraden kreuz und quer durch. Auch die Präsentation der Arbeiten irritiert: die Zeichnungsblätter sind auf Holzplatten gezogen und erhalten so Objektcharakter.

Dieses Verwirrspiel wird noch dadurch potenziert, dass abstrakt erscheinende mit figürlichen Bildmotiven zusammentreffen. Frei erfundene Bildgegenstände korrespondieren mit Bildmotiven aus der medialen Welt (Zeitungen, Magazinen, Internet, etc.). Die Verwendung surrealistischer Techniken wie Verzerrung und Auflösung verändert auf subtile Weise die Semantik der Bildobjekte.

Es sind vor allem merkwürdige Kind- und Tiergestalten sowie hybride Wesen, die einzeln oder in Interaktion abgebildet sind und zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten in unbestimmten Räumen in Beziehung gebracht sind. Plötzlich sehen wir in Gesichter von reflektierendem Weiß oder absorbierendem Schwarz und in Augen, die ihrem Gesichtsort entrückt und verfremdet sind. Wir sehen Kindgestalten, die mit Tieren zu spielen scheinen; oder sind sie gerade dabei, diese zu töten?

Umgekehrt sehen wir Tiere, die Kinder begleiten; doch ist da nicht ein Hase gerade dabei, ein Kind aufzufressen? Und wer ist die weiße Gestalt mit dem Baseball-Schläger, die schon bereit zu sein scheint, zum Schlag auszuholen? Wer oder was hier Täter oder Opfer ist, bleibt konsequent offen. Seine Bildschöpfungen erzählen von Brüchigkeit und Ambivalenz, von Abstraktion und Figuration, von Präzision und Verzerrung, Geborgenheit und permanenter Bedrohung.

Bärbel Burck.