Katja-Pudor_Eckenrundung
Katja-Pudor_Eckenrundung_neudeli
nadja-schoellhammer_neudeli
Esther-Ernst_Ansichtssache
Esther-Ernst_Ansichtssachen_neudeli
andrea-uebelacker_kunstraum_neudeli
andrea-uebelacker_neudeli

Positionen zeitgenössischer Zeichnung 6 / DIN 18540.

Esther Ernst
Katja Pudor
Nadja Schöllhammer
Andrea Übelacker.

4. Juni – 16. Juli 2011.

Derart rätselhafte Zahlen- und Buchstaben- kombinationen begegnen einem immer wieder: bei der Steuererklärung, Mitgliedsnummern, Versicherungsnummern, PIN-Codes, Log-ins, als Passwörter, in Archiven als Inventarnummern: Das jeweilige Objekt wird dadurch identifiziert und im Archiv aufgefunden, die Folge steht als Zeichen für Standardisierung und Normung.

DIN 18540 regelt die Ausführung von Fugen, der Lücken zwischen den Mauersteinen. Sie bezieht sich auf das Mauerwerk, die Wand, an der die Arbeiten angebracht sind.

Die vier Positionen für PZZ 6 (eingeladen von Andrea Übelacker) überschneiden sich in ihrem work-on progress-Charakter und überlegungen/ Strategien des Archivierens und Ansammelns. Die Künstlerinnen arbeiten gegen und mit der ständigen Veränderung, gegen und mit der Lücke.

Esther Ernsts Bildträger sind schon beschrieben: sie zeichnet auf der Rückseite ihrer Sammlung von Postkarten im Format DIN A 6 aus den 60er – 80er Jahren, die sie hauptsächlich von Privatpersonen erworben hat. Die visuelle Spezifik von Postkartenmotiven wird sichtbar: auf Postkarten sind Besonderheiten eines bestimmten Ortes inszeniert. Auf der Rückseite, auf der sich ein kurzer Texthinweis zur Abbildung auf der Vorderseite befindet, notiert sie täglich in Text und Zeichnung beiläufige Begebenheiten aus ihrem Alltag. Die tagebuchähnlichen Zeichnungen sind jeweils mit Datum versehen und chronologisch geordnet.

Die Tätigkeit des Zeichnens gehört für sie zur Alltagsroutine. Die Vielteiligkeit ist Resultat eines Sammelns und Archivierens, die Ausschnitthaftigkeit und Lückenhaftigkeit der Abbildungen bzw. Aufzeichnungen bleiben bestehen. Die Postkarten sind in Folien eingesteckt, in Ordnerringen abgeheftet und liegen auf dem Tisch. Beim Betrachten konzentriert man sich auf die kleinen Formate. Das Umfeld ist dabei relativ ausgeblendet.

Katja Pudor sieht ihre Arbeiten als Bestandteile eines modularen Fundus, den sie ständig erweitert. Zeichnungen und Malereien aus früheren Installationen können für das neue Ensemble weiter bearbeitet oder neu kontextualisiert werden. Bei der Auswahl der Arbeiten für ihre begehbare Rauminstallationen geht sie von den vorgefundenen räumlichen Bedingungen aus.

Es finden sich eine Vielzahl von Möglichkeiten der Linie bzw. des Striches: als herunterlaufende Farbe, als Pinselzeichnung, als Linie, die (Natur-)Räume beschreibt, als Cut-out, als quer durch den Raum gespannte Schnüre strukturieren sie den Raum zwischen den Wänden, als flächige Schraffuren, als geschriebener Text, als Klebefolien mit linearem Muster Als Betrachter steht man mitten im Werk. Die Wahrnehmung der Arbeiten und die Herstellung von Zusammenhängen sind auch durch die Möglichkeit von Standortwechseln relativ und subjektiv.

Nadja Schöllhammers Bildträger ist die Wand, eine vorgelagerte Gipskartonplatte oder Rahmen. Das Format des ursprünglichen Bildträgers bleibt nicht erhalten: die Bereiche zwischen den Linien aus Tusche, Aquarell oder Farbstiften werden herausgeschnitten oder ausgebrannt. Linien werden geritzt oder gespritzt. Die objekthaften Cut-outs werden auf neue Bildträger montiert und verwoben. Sie verstricken sich zu neuen dreidimensionalen Formationen, die scheinbar im Raum schweben oder im Raum stehen.

Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird durch diese komplex vernetzten Strukturen hindurch auf dahinter Liegendes gelenkt. Filigrane Zeichnungen von Wiedererkennbarem oder Erahnbarem wie Personen, Gewächsen, Textzeilen oder Tieren wechseln ab mit gestischen Bildelementen. Das Dickicht ist raumgreifend. Es fällt schwer, den Blick auf einzelnen Anordnungen zu halten, inhaltlich kohärent zu greifen oder zu ordnen. Der Blick springt. Das Unheimliche, Terra Incognita.

Andrea Übelacker arbeitet in ihrer Serie Autobiografische Datenbank (2008 ff) nach einer Anweisung an sich selbst, in der sie wesentliche Rahmenbedingungen bezüglich des Formats, der verwendeten Materialien und der Präsentation formuliert. Sie notiert Assoziationen, die das Aufzeichnen von Autobiografie oder den Herstellungsprozess selbst betreffen sowie subjektive Alltagserlebnisse, Kunstzitate, seltsame Gedankenfragmente, zufällig Mitgehörtes und Kommentare zu Gelesenem oder Erinnerungen an Anweisungen für ein gutes Leben.

Formal untersucht sie abstrakte und illusionistische Darstellungsweisen: Erscheinungsformen und Grenzbereiche von Punkt, Linie und Fläche wie auch die Eigenschaften der Zeichenmaterialien, die im Verhältnis zueinander selbst Bedeutungsträger werden. Bildelemente und Satzfragmente können in ein produktives Spannungsverhältnis zueinander treten. Ein DIN A 3-Block wird abgetragen: jedes Blatt war Unterlage des gerade bearbeiteten Blattes und kann Spuren dieser Bearbeitung tragen. Die Blätter werden nach dem Datum ihrer Fertigstellung geordnet und fortlaufend nummeriert.